Catherine
Alle reden vom Networking. Es gibt Networking-Anlässe, Seminare, Webseiten. Und Aufrufe an Frauen: «Du musst halt networken und mit den Jungs nach der Arbeit ein Bier trinken gehen.» «Schau die Leute an, ohne zu starren! Lächeln!» Und wenn frau dann jemanden kennengelernt hat, soll sie sich bemühen, in Kontakt bleiben, zu Erfolgen gratulieren oder zum Geburtstag.
Und dann gibt es Catherine Nertz. Sie beherrscht das Handwerk und die Kunst des Netzwerkens. Und weiss, wie diese Netze genutzt werden.
Zu Catherine geht man gerne, weil es bei ihr schön ist. Sie hat eine Anziehungskraft, die wärmt und stärkt. Wer zu ihr eingeladen ist, kommt. Wir Gäste unterhalten uns an Partys und Abendessen, versuchen gut auszusehen, witzig und geistreich zu sein. Während wir damit beschäftigt sind, uns darzustellen, ist Catherine damit beschäftigt, uns wahrzunehmen, die Leute miteinander zu verbinden. Eine professionelle Gastgeberin wie sie sieht, wer sich langweilt, wer von einer anderen Person zu sehr in Beschlag genommen wird, erkennt Dominanz, die der Gruppe Energie nimmt. Und dann greift sie ein, unmerklich befreit sie jemanden aus einer Gesprächsumklammerung, übertönt Leute, die zu laut sind und lenkt das Thema um, tischt im richtigen Moment das Dessert auf. Manche Gastgeber spielen ihre Rolle leise im Hintergrund. Catherine lanciert gern mal lautstark Themen, mit Geschichten und Kraftwörtern, die scheinbar nicht zur bürgerlichen Herkunft passen. Die Kombination ist erfrischend, hat Charme und wirkt befreiend.
Wir kennen diese Einladungen zu Hause im gepflegten Kreis, meist paarweise. Bei Catherine gab es schon viele dieser Abende. Meistens lud sie Gäste ein, die sich untereinander noch nicht kannten, und fädelte durch eine gekonnte Sitzordnung neue Bekanntschaften ein. Dann gab es eine Phase, da redete man jedes Mal über die Putzfrau. Dem hat sie ein Ende gesetzt, indem sie auf do it yourself umstellte. Es gab Abende, an denen die Gäste kochten. Von Catherine zusammengestellte oder per Los ermittelte Teams arbeiteten zusammen an einem Gang. Was Manager schon lange im Geschäft nutzen, setzte sie am Herd ein. Es gelangen tolle Gerichte und in der Küche entstanden Teams, die einander nicht mehr vergassen. Weil das Dessert nach einer Stunde Backzeit noch flüssig war oder eine Meistersauce gefertigt wurde. Wenn man später über Leute sprach, dann hiess es: «Das ist doch die, die Kalbsschnitzel perfekt gebraten hat» oder: «der, der die Tomaten in Herzform schnitt».
Legendär sind ihre Ken- oder Barbie-Abende, die sie lange vor dem jüngsten Hype veranstaltete. Beim Ken-Abend versammelte sie fünfzig spannende Frauen. Das Treffen endete morgens um 3, an einem Werktag. Ein Volltreffer war auch die Barbie-Party, die auf einem Gruppenbild in ihrem Wohnzimmer festgehalten ist. Über sechzig Frauen in rosa.
Geboren wurde Catherine in den späten 60ern als zweite von drei Töchtern einer bekannten Familie. Zeitweise lebten sie in den USA. Im Teenageralter ging es zurück nach Basel. Sie zog früh in eine eigene Wohnung und machte eine Berufsausbildung, die sie dann nie benötigte, arbeitete bei der damaligen Kiosk AG, später in der Pharmaindustrie. Sie lernte ihren Mann kennen und unterstützte ihn während seiner juristischen Ausbildung, die in eine eigene Anwaltskanzlei mündete. Als die Kinder kamen, drehten sie den Spiess um. Von da an arbeitete sie in einem kleinen Teilzeitpensum, war fast zwanzig Jahre lang Privatsekretärin eines erfolgreichen Unternehmers. Sie verwaltete Immobilien, Kunst, organisierte Veranstaltungen und managte seinen Alltag. Ein kleines Pensum, das sie aber manchmal rund um die Uhr.
Als sie für ihre Kinder eine Tagesschule suchte, wie sie es aus den USA kannte, fand sie keine. Es gab Anfang der 2000er-Jahre zwar Kitas. Aber selbst im fortschrittlichen Basel bauten die Schulzeiten noch auf dem Familienmodell Hausfrau auf. Also gründete Cathrine mit anderen Eltern zusammen selbst eine Tagesschule.
Catherine tut noch viel mehr. Sie war politisch aktiv in der Basler LDP. Sie führte einen Literaturclub, war Richterin am Zivilgericht, leitete einen Verein der Arbeitsplätze bietet für Jugendliche in schwierigen Lagen. Sie spielt Tennis und reist gern, wohnt in einem schönen Haus voller Kunst, flucht oft und herzhaft, gibt wenig von sich preis, kennt tout Bâle und tout Bâle kennt sie.
Ihr Paradestück ist «Chance Basel». Sie war dabei, als diese Gruppe vor über 20 Jahren von und für junge bürgerliche Politikerinnen und Politiker gegründet wurde. «Chance Basel» ist eine Erfolgsgeschichte. Drei Gründungsmitglieder wurden Regierungsräte in Basel-Stadt, zwei haben es zum Grossratspräsidenten gebracht und auch andere Mitglieder verfolgen stattliche Karrieren. Wir wissen nicht, was dort hinter verschlossenen Türen geschieht. Aber dass Catherine bis heute Teil dieser Gruppe ist, spricht für sich.
Catherines Engagement und ihr Netzwerk machen vieles möglich. Diskret zieht sie Fäden, wenn jemand eine Wohnung braucht, einen Job, eine Mitgliedschaft, wenn sie spürt, dass ein bestimmter Kontakt jemandem guttun würde. Dann gibt sie Telefonnummern weiter oder bringt zwei Leute ins Gespräch. Sie ist für alle da, die Hilfe benötigen, unaufdringlich, und so zuverlässig, als wären die anderen ihre Familie.
Sie selbst aber verwechselt ihr Netzwerk nicht mit Familie und engen Freundschaften. Dass sie viele Jahre einen Kampf gegen genetisch bedingten Krebs führte, behielt sie für sich. Die Krankheit hielt sie nicht davon ab, ab Mitte Vierzig ohne Führungserfahrung oder Hochschulabschluss den direkten Sprung ins Management eines Facility Unternehmens zu machen, wo sie erfolgreich Teams und millionenschwere Aufträge managte. Heute arbeitet sie in einer Kaderposition bei einer Kantonalbank. Daneben bildete sich weiter und hat nun einen Master in digitaler Transformation in der Tasche.
Ihr letzter Streich: Zusammen mit Kolleginnen war sie die treibende Kraft zur Gründung eines weiblichen Rotary Clubs. Einer der wenigen weltweit. In den Anfangsjahren übernahm sie das Präsidium, bis alles lief. Heute zählt das Netzwerk über fünfzig Frauen. Frauen mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen finden sich zusammen, von jung bis alt, von der Direktorin bis zur Studentin. Der Club ist etabliert. Zeit für Catherine, sich aus der aufwendigen Führungsarbeit in die Reihen der Mitglieder zurückzuziehen. Wofür schafft sie wohl Platz?