Pamela

Sie ist die erfolgreichste Schauspielerin der Welt. Ihre Eltern waren noch keine Zwanzig, total verknallt, als sie zur Welt kam. Sie wuchs idyllisch auf. In der Natur, am Strand auf einer kanadischen Insel. Der Rest war nicht so idyllisch. Knappe Kasse, die Beziehung der Eltern wurde gewalttätig. Der Vater prügelte im Rausch. Dann nahm sie jeweils ihren jüngeren Bruder mit nach draussen. Manchmal verliess die Mutter mit den Kindern den Vater. Sie kamen bei Bekannten unter, bis der Vater sie fand und zurückholte. In diesem Drama besetzte sie ihre erste Nebenrolle als fröhliches, quirliges, kreatives bis verträumtes Mädchen, das den kleinen Bruder beschützte und so tat, als sei alles ganz prima.

Vor ihrem zehnten Altersjahr wurde sie regelmässig von der Babysitterin belästigt. «Ich hasste ihre stinkigen T-Shirts und ihre grossen Brüste, die sie mir ins Gesicht drückte», schrieb sie in ihr Tagebuch. Geredet hat sie nie. Als sie zwölf war, wurde sie von einem Bekannten vergewaltigt. Sie schämte sich, dachte, sie wäre ein schlechter Mensch. Auch darüber sprach sie nicht. Ihr erster Freund während der Schulzeit war gewalttätig. Es kamen weitere. Sie wurde Opfer einer Vergewaltigung durch eine Gruppe von jungen Männern. Ihre Periode kam erst, als sie über achtzehn war. Sie fing an, in Ohnmacht zu fallen. Tiefer Blutdruck, sagte der Arzt. In der Schule machten sie Witze – «Passout Girl». Es gab keine Fragen. Die stellte nur sie: was sie falsch machte, dass sich Kerle in gemeine Menschen verwandelten. Sie führte immer Tagebuch. Die Erlebnisse niederzuschreiben bedeutete «Beweis» – dass es wirklich passiert ist. Und dass, wenn ihr etwas passieren würde, die Wahrheit nicht mit ihr stürbe. Die Erlebnisse erforderten Anpassungen in der Rolle als Nebendarstellerin. Sie gab sich noch mehr Mühe, war grosszügig, flexibel und lustig. Humor nutzte sie, um Spannungen zu vertreiben. Auch wichtig wurden Fleiss, harte Arbeit.

Entdeckt wurde sie mit 22, anlässlich eines Football-Spiels in Vancouver. Die Kamera zoomte auf sie. Sie trug ein T-Shirt mit Bierwerbung und war ein paar Sekunden lang auf allen Bildschirmen im Stadion zu sehen. Das reichte. «The Beer Girl» wurde bald von Playboy für Fotoaufnahmen nach LA eingeladen. «I'm gonna do this. Maybe this will help», sagte sie sich. Von der kanadischen Provinz nach LA, von der Serviceangestellten aus einfachen Verhältnissen in die Penthouse-Mansion, vom athletischen Tomboy zum Pin-up. Sie übernahm erstmals eine Hauptrolle. Den Rollenwechsel beherrschte sie souverän. Was für ein Spektakel! Was für eine Karriere! Sie wurde die berühmteste Sexbombe der Welt. Das erfolgreichste Playmate von Playboy. Die beliebteste TV-Schönheit aller Zeiten, im roten Badeanzug. Lieferte die spektakulärste Blitzhochzeit mit einem Rockstar. Über ihre Karriere sagte sie einmal: «My breasts have had a brilliant career. I've just tagged along for the ride.»

Als private Filmaufnahmen von den Flitterwochen aus dem Safe ihres Hauses gestohlen wurden, liessen Gerichte die Verbreitung zu. Eine Sexbombe habe kein Recht auf private Sextapes. Die Diebe wurden reich, die Kanäle, welche die Videos verbreiteten, auch. Von ihrem Ruf, ihrem Image reden wir erst gar nicht. Jetzt kam die härteste Rolle ihres Lebens. Lachen an einer TV-Show, als die Komikerin Sarah Silverman sie so vorstellte: «I don't really know Pam personally. But I'll never forget the first time I saw her asshole.» Sie war nun Schlampe und eine Art Pornostar. Als Antwort spielte sie überdrehter, abgefahrener, kreierte ihre eigene Karikatur, wurde zum «Cartoon Character». Als ihr Mann sie schlug, während sie ihren Zweitgeborenen auf dem Arm hielt, stieg sie aus. Zeigte den Ehemann an, der wanderte in den Knast, sie verschwand aus dem Rampenlicht.

Sie zog zwei Söhne gross, alleine und unspektakulär. Fuhr die Kinder zum Sport, kochte, sorgte für Stabilität, versuchte ein Einkommen zu erwirtschaften. Sie war die hoffnungslose Romantikerin, die immer auf den Prinzen wartete, der nie kam. Verstand nicht, dass sie eine schwer traumatisierte Frau war. Wusste nicht, welchen Schaden solche Missbräuche anrichten, dass sie als Opfer in einem zerstörerischen Teufelskreis gefangen war – Selbstzerstörung und zerstörerische Zuschreibungen einer gnadenlosen Welt. Dass sie dies alles überlebte und nicht daran zugrunde ging, grenzt an ein Wunder.

Die Rollen wurden diffuser. Ehemalige berühmteste Blondine der Welt, Reality-TV, wechselnde Frisuren. Kämpferin für Tierschutz, Julian Assange und gegen Pornografie. Veganerin, als noch niemand das Wort kannte. Sie suchte ihre Rolle.

Ihre letzte «Rolle» führte sie nach Frankreich als Freundin eines jungen französischen Fussballstars. Sie zog zu ihm in die Nähe von St. Tropez. Merkte nicht, dass sie die Nebenrolle in der Inszenierung des Fussballstars spielte, der Brigitte-Bardot-Deko brauchte. Es endete nicht gut, weil der Kerl serienweise andere Frauengeschichten hatte. Es war eine brachiale Demütigung für sie. Nach der Trennung machte sie nicht mal mehr Witze. Etwas zerbrach.

Man kann Pamelas Geschichte anders lesen. Als die Geschichte eines missbrauchten Kindes, das nie gefragt wurde, was ihm zugestossen war – nur, was mit ihm nicht stimmte. Die Welt urteilte über ihren Körper, ihre Ehen, ihre Rollen. Kaum jemand fragte nach dem Davor oder Warum. Dass sie all das überlebte, ohne daran zu zerbrechen, ist eine unvorstellbare Leistung, ein Kraftakt sondergleichen. Sie zog zurück in ihre alte Heimat nach Kanada. Renovierte das Haus ihrer Grossmutter, gestaltete einen Gemüsegarten, einen Rosengarten. In Gummistiefeln verweilte sie am Strand, wühlte in der Erde, in der Seele, legte saure Gurken ein. Es wurde still.

Dann kamen neue Nachrichten:

«If I'd had a therapist, do you think any of this would have happened?»

«I've been playing characters my whole life.»

«I've been dressing for other people.»

«Or just being anything but me.»

Sie begann, laut zu erzählen, was sie ein Leben lang verschwiegen hatte. Die Missbräuche, jahrzehntelange Depressionen und vieles mehr. Das braucht mehr Mut, als jede Rolle, die sie je gespielt hat. Mit einer Autobiografie (die sie wirklich selber schrieb) und einer Netflix-Serie über ihr Leben (von ihren Söhnen produziert) schenkte sie reinen Wein ein. Legte einen Seelenstriptease hin, der alle verstummen liess. Wagte es, alles zu erzählen und damit die Regie über ihr eigenes Leben zu übernehmen. Damit gewann sie ihre Würde zurück und legte den Grundstein für die Karriere, die sie sich immer gewünscht hatte.

Sie erhielt das Angebot der Rolle als Roxy im Musical Chicago am Broadway, das erste seriöse Angebot ihres Berufslebens. Für ihre Darstellung wurde sie gefeiert. Es folgten eine Golden-Globe-Nominierung für die Hauptrolle in «The Last Showgirl», ein Award am Zurich Film Festival, weitere anspruchsvolle Filmrollen. An die Bling-Bling-Anlässe ging sie nur noch ungeschminkt. Sie wird zur Ikone. Heute ist sie erfolgreiche Schauspielerin, Vorbild, Aktivistin, Unternehmerin und eine der glaubwürdigsten, beeindruckendsten, talentiertesten Persönlichkeiten der Film- und Modebranche. Pamela Anderson spielt erstmals die Hauptrolle ihres eigenen Lebens – sich selber.

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Catherine